Norwegischer Verband fordert Rücktritt von FIFA-Präsident Infantino

Aufregung um Fifa-Boss: Norwegens Verband fordert Infantino zum Rücktritt auf

Der norwegische Fußballverband (NFF) hat FIFA-Präsident Gianni Infantino aufgefordert, sein Amt niederzulegen. Diese Entscheidung ist das Ergebnis einer gemeinsamen Sitzung, wie die Präsidentin des norwegischen Verbandes, Lise Klaveness, mitteilte. Klaveness erklärte, dass das Vertrauen in Infantino nicht mehr vorhanden sei, insbesondere nach dem gescheiterten Investorendeal des Weltverbandes.

Klaveness betonte, dass der Verband über einen längeren Zeitraum hinweg Bedenken geäußert habe. Sie beschrieb die Situation als eine Abfolge von besorgniserregenden Schritten, die das Vertrauen endgültig zerstört hätten. Für Infantino gebe es nun keinen Weg zurück mehr, so Klaveness.

Hintergrund der Forderung

Infantino hatte versucht, Anteile an Turnieren des Weltverbandes an private Investoren zu verkaufen. Diese Pläne stießen auf massiven Widerstand, insbesondere von der Europäischen Fußball-Union (UEFA), und mussten nach wenigen Tagen zurückgezogen werden. Ein Strategiepapier zeigte, wie Infantino die Zukunft des Verbandes als globales Wirtschaftsunternehmen vorstellte, wobei die Investmentbank J.P. Morgan als Partner fungieren sollte.

Die Zusammenarbeit mit J.P. Morgan, der größten Bank der USA, wurde durch nebeneinander stehende Logos von FIFA und J.P. Morgan auf der Titelseite eines Dokuments belegt, das den Vermerk „Strictly Private And Confidential“ trug. J.P. Morgan hatte bereits 2021 eine Milliardenfinanzierung für die gescheiterte europäische Super League zugesagt und baut seit Jahren seine Investitionen im Sport aus, unter anderem durch die Gründung einer eigenen Sports Investment Banking Group im Jahr 2024.

Die FIFA bestätigte, dass J.P. Morgan den Aufbau einer internationalen Investorengruppe begleitet hatte. Ziel war eine breit aufgestellte Investorengruppe für eine geplante Kapitalaufnahme von bis zu 4,2 Milliarden US-Dollar. Das kommerzielle Geschäft der FIFA sollte in die neue Gesellschaft FIFA Forward Enterprise (FFE) ausgelagert werden, die Medienrechte, Sponsoring, Hospitality, Ticketing und digitale Geschäftsmodelle bündeln sollte.

Im Strategiepapier nannte die FIFA als Maßstab nicht andere Verbände, sondern erfolgreiche Sportprodukte wie die National Football League (NFL), die Basketball Liga NBA und Major League Baseball, sowie die englische Premier League und die UEFA Champions League. Die FIFA sah sich selbst als wirtschaftlich „under-monetized“ und begründete damit den geplanten Umbau und die Öffnung für Investoren. Der Vergleich mit der Champions League verdeutlichte die Konkurrenz zwischen FIFA und UEFA um Einfluss und kommerzielle Stärke.

Die FIFA stellte den 211 Mitgliedsverbänden deutlich höhere Fördermittel in Aussicht. Die weltweite Entwicklungsförderung sollte von rund 1,7 Milliarden US-Dollar im Zyklus 2023 bis 2026 auf bis zu 8,4 Milliarden US-Dollar im Zyklus 2027 bis 2030 steigen, mit dem langfristigen Ziel, mehr als zehn Milliarden US-Dollar für die Fußballentwicklung bereitzustellen.

Widerstand und Machtkampf

Die UEFA hatte nach dem Rückzug der Investorenpläne erklärt, dass ihr dies nicht genüge und hielt an ihrem Boykott der Wettbewerbe des Weltverbandes fest. Der Boykott zielt nicht mehr auf ein Vorhaben, sondern auf Infantino selbst, da die UEFA das Vertrauen in ihn verloren hat. Die UEFA forderte zudem eine Garantie, dass derartige Versuche, den Fußball zu entstellen, niemals wieder unternommen werden.

Die FIFA-Führung hatte Infantino nach einer Krisensitzung in Marokko ihre volle Unterstützung ausgesprochen und darauf verwiesen, dass er als einziger von den 211 Mitgliedsverbänden gewählter Verantwortlicher an der Spitze des Weltverbandes stehe. Die UEFA entwertete diese Erklärung jedoch, indem sie angab, sie stamme von Personen, deren Karriere vom Wohlwollen des FIFA-Präsidenten abhänge. Dies deutet auf einen tiefgreifenden Machtkampf hin.

Klaveness, die seit 2022 den norwegischen Verband führt, ist eine bekannte kritische Stimme im Weltfußball. Sie kritisierte den Weltverband bereits für die Vergabe der WM an Katar und erhob ihre Stimme nach der Verleihung des sogenannten „Friedenspreises“ der FIFA an US-Präsident Donald Trump. Der frühere FIFA-Präsident Joseph Blatter hatte Klaveness sogar als mögliche Nachfolgerin für Infantino ins Gespräch gebracht, was Klaveness jedoch zurückwies.

Infantino ist seit 2016 FIFA-Chef und der einzige Kandidat bei der Wahl eines neuen Präsidenten im März. Um wiedergewählt zu werden, benötigt er eine Mehrheit der 211 Stimmen der Mitgliedsverbände. Aktuell droht Europa, FIFA-Wettbewerbe zu boykottieren, darunter die U20-WM der Frauen in Polen, die am 5. September beginnt.

Lise Klaveness: kritische Stimme im Weltfußball
Lise Klaveness: kritische Stimme im WeltfußballFoto: Vegard Grät / IMAGO / Bildbyran Credit: spiegel.de

Internationale Reaktionen und Ausblick

Trotz des Widerstands aus Europa kann Infantino weiterhin auf Rückhalt aus anderen Regionen, wie Afrika, zählen. Auch die FIFA-Spitze hatte sich hinter Infantino gestellt. Die UEFA hingegen sieht den Streit an einem Punkt, an dem es nicht mehr um Investoren geht, sondern um die Person Infantino.

Der Rückzug der Investorenpläne und eine Entschuldigung Infantinos nach der Krisensitzung in Marokko reichten der UEFA nicht aus. Sie betonte, dass ein Boykott gegen einen Menschen erst endet, wenn dieser geht, da das Vertrauen verloren sei. Solange die UEFA keinen Gegenkandidaten benennt, führt sie einen Kampf, den sie mit den Mitteln des Verbandes nicht gewinnen kann, da die Wahl im März 2027 von allen 211 Verbänden entschieden wird.

Das Strategiepapier, das die Zukunftsvision Infantinos für die FIFA als globalen Konzern aufzeigt, bleibt aufschlussreich, auch wenn der Investorenplan vorerst gestoppt wurde. Es verdeutlicht, wie Infantino die FIFA langfristig positionieren wollte: als Weltverband, der seine sportpolitische Macht behält, sein kommerzielles Geschäft aber nach den Maßstäben globaler Konzerne und internationaler Finanzmärkte organisiert. Nach der Kritik gelang es Infantino, die FIFA-Führung bei einem Krisentreffen am Mittwoch in Marokko vorerst wieder hinter sich zu versammeln.

Gianni Infantino: Wahlen im März
Gianni Infantino: Wahlen im März Credit: spiegel.de

Infantino und Generalsekretär Mattias Grafström entschuldigten sich öffentlich für das Vorgehen und räumten ein, die Verbände nicht ausreichend eingebunden zu haben. Die Wahlen für das Amt des FIFA-Präsidenten finden im März statt.

Source: spiegel.de

Felix Brandt

Sportredakteur mit Schwerpunkt Fußball und internationale Wettbewerbe.