Englands Halbfinal-Aus nach Führung
England hat im Halbfinale der Weltmeisterschaft eine 1:0-Führung gegen Argentinien nicht halten können und schied nach einer 1:2-Niederlage aus dem Turnier aus. Nach dem Führungstreffer durch Anthony Gordon in der 55. Minute gaben die „Three Lions“ das Spiel aus der Hand. Die Statistiken nach der Führung zeigen, dass England nur noch zwölf Prozent Ballbesitz hatte, während Argentinien fast 40 Minuten lang das Spiel dominierte. In dieser Phase spielte die Mannschaft von Trainer Thomas Tuchel lediglich 18 Pässe in der gegnerischen Hälfte, im Vergleich zu 193 Pässen von Argentinien. Insgesamt verzeichnete England nach der Führung nur 73 Pässe, während Argentinien fast viermal so viele spielte.
Die Offensive Englands, mit Spielern wie Harry Kane und Jude Bellingham, fand nach der Führung kaum noch statt. Der Expected-Goals-Wert (xG) nach dem Führungstreffer betrug lediglich 0,09. Die Engländer hatten nur zwei Ballkontakte im argentinischen Strafraum, während Argentinien mit Lionel Messi 18 Ballkontakte im englischen Sechzehner sammelte und einen xG-Wert von 1,78 erspielte.
Tuchels defensive Wechsel und die Folgen
Thomas Tuchel reagierte auf den Kontrollverlust mit defensiven Wechseln. Er brachte Ezri Konsa für Anthony Gordon in der 72. Minute und später Dan Burn für Declan Rice. Zudem kam Nico O’Reilly für den angeschlagenen Reece James. Zwischen der 82. Minute und dem Schlusspfiff standen zeitweise sechs Verteidiger auf dem Feld. Dieser Plan ging jedoch nicht auf. Enzo Fernández erzielte in der 85. Minute den Ausgleich, und Lautaro Martínez köpfte nach einer Vorlage von Lionel Messi in der Nachspielzeit das entscheidende 2:1 für Argentinien.
Die Entscheidung von Tuchel, defensive Spieler einzuwechseln und die taktische Ausrichtung zu ändern, stieß auf breite Kritik. Medien wie die Boulevardzeitung The Sun schrieben, die Fans seien wütend auf Tuchel und die Niederlage gehe auf seine Kappe. Der Mirror kommentierte, Tuchels Wechsel seien nach hinten losgegangen. Tuchel verteidigte seine Herangehensweise nach dem Spiel und sagte, er übernehme die Verantwortung, bereue aber nichts. Er betonte, dass es nach einer Niederlage leicht sei, seine Entscheidungen als falsch zu bezeichnen, und dass er nicht das Gefühl gehabt habe, dass eine offensive Einwechslung geholfen hätte.
Diese Situation weckte bei einigen Fans des FC Bayern Erinnerungen an ein früheres Halbfinalspiel. Vor etwas mehr als zwei Jahren, im Halbfinale der Champions League gegen Real Madrid, hatte Tuchel als Trainer des FC Bayern ebenfalls bei einer Führung defensive Wechsel vorgenommen, was zu einer späten Niederlage führte. Damals wurde Leroy Sané durch Minjae Kim ersetzt, und Real Madrid drehte das Spiel mit späten Toren von Joselu. In beiden Fällen entschied sich Tuchel, schnelle, konterstarke Spieler vom Feld zu nehmen und durch kopfballstarke Innenverteidiger zu ersetzen.
Kritik und Tuchels Zukunft
Die Kritik an Tuchel nach dem WM-Aus war harsch. Ehemalige Nationalspieler wie Kyle Walker und Chris Sutton äußerten sich kritisch zu seinen taktischen Anpassungen und Wechseln. Walker sah keinen großen Unterschied zur Ära von Gareth Southgate, während Sutton die Leistung als „Coaching-Katastrophe“ bezeichnete und die Frage aufwarf, wie Tuchel die Mannschaft voranbringen könne. Joe Cole forderte sogar die Entlassung von Tuchel und sprach sich für einen englischen Trainer für die Nationalmannschaft aus.
Auch internationale Fußballpersönlichkeiten kritisierten Englands Spielweise nach der Führung. Thomas Müller äußerte sein Unverständnis darüber, wie England Argentinien so viele Flanken und Raum für Vorstöße gewähren konnte. Der ehemalige spanische Nationaltorwart Iker Casillas nannte den Ansatz „feige“ und befand, England habe das Spiel mit dieser Spielweise selbst aus der Hand gegeben. Viele Kritiker hätten sich mehr Mut von Tuchel nach der Führung gewünscht.

Trotz der Kritik muss Tuchel um seinen Job wohl nicht bangen. Sein Vertrag wurde erst im Februar bis 2028 verlängert, um die Mannschaft zur Heim-Europameisterschaft zu führen. Der Verband sieht nach Medienberichten keinen Grund, den eingeschlagenen Weg zu verlassen. Tuchel selbst betonte, dass er nicht an Rücktritt denke und sich auf die Heim-EM freue. Er wies auch darauf hin, dass viele große Fußballnationen bereits vor dem Halbfinale ausgeschieden seien, was die Leistung des Teams unterstreiche. Der Vertrag von Thomas Tuchel läuft bis zur Heim-EM 2028.
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Source: bild.de