Englands umstrittener Ausgleich
Die englische Nationalmannschaft hat das Halbfinale der Fußball-WM erreicht, doch ihr Viertelfinalsieg gegen Norwegen wird von Diskussionen um ein umstrittenes Ausgleichstor überschattet. Das von Thomas Tuchel trainierte Team besiegte die Skandinavier mit 2:1 nach Verlängerung in einer Partie, die als „Hitzeschlacht von Miami“ bezeichnet wird. Der Ausgleich zum 1:1, der England überhaupt erst die Verlängerung ermöglichte, hätte nach Ansicht einiger Experten möglicherweise nicht zählen dürfen.
Die Szene ereignete sich in der zweiten Minute der Nachspielzeit der ersten Hälfte. Nach einem Abstoß von Norwegen-Keeper Orjan Nyland flog der Ball in Richtung der englischen Hälfte. Dabei soll er in der Luft ein Kameraseil der sogenannten „Spidercam“ berührt haben. Diese Kamera ist an vier Seilen befestigt, die an den Ecken des Stadions angebracht sind und neue TV-Perspektiven ermöglichen.
Trotz des mutmaßlichen Kontakts mit dem Kameraseil wurde das Spiel fortgesetzt. Der Ball fiel Elliot Anderson vor die Füße, der ihn zu Anthony Gordon weiterleitete. Gordon wiederum spielte den Ball in den Strafraum zu Jude Bellingham. Der ehemalige Dortmunder vollendete den Angriff zum 1:1.
Reaktionen und Regelauslegung
Unmittelbar nach dem Tor protestierten die norwegischen Spieler. Nyland und Erling Haaland gestikulierten in Richtung des Kabels. Norwegen-Trainer Stale Solbakken suchte in der Halbzeitpause das Gespräch mit dem französischen Schiedsrichter Clément Turpin. Dieser teilte mit, dass er eine Rücksprache mit dem VAR gehabt habe, das Tor jedoch zählte.
Die Entscheidung stieß auf Unverständnis bei der übertragenden US-Crew des TV-Senders Fox. Deren Schiedsrichter-Experte Mark Clattenburg äußerte sich deutlich: „Wenn der Ball ein Objekt außerhalb des Spielfelds berührt, muss der Unparteiische unterbrechen. Und das Spiel mit Schiedsrichter-Ball fortsetzen.“
Auch der Experte Patrick Ittrich kommentierte den Vorfall. Er stellte die Frage, ob der Kontakt Einfluss auf das Spielgeschehen hatte. Wenn dies der Fall gewesen wäre, hätte das Spiel mit einem Schiedsrichter-Ball fortgesetzt werden müssen, da das Tor unmittelbar aus dieser Angriffsphase resultierte. Hätte es keinen Einfluss gehabt, wäre das Weiterspielen korrekt gewesen. Ittrich vermutete, dass der Videoassistent aufgrund fehlender eindeutiger Bilder keine Intervention vorgenommen habe, was die Entscheidung zu einer Tatsachenentscheidung mache, da kein Fehler des Schiedsrichters vorlag.
Die Fifa meldete sich am Samstagabend (Ortszeit) zu Wort und erklärte über einen Kurznachrichtendienst, dass die Sensoren im Ball bei der betreffenden Szene keinerlei Ausschlag gezeigt hätten. Dies würde die Darstellung stützen, dass der Ball nicht berührt wurde. Auffällig war auch, dass keiner der norwegischen Spieler, die sich direkt unter dem Ball befanden, in diesem Moment protestierte.
Stimmen der Trainer und weitere Diskussionen
Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel äußerte sich Norwegen-Trainer Solbakken kritisch: „Das Kabel verdient einen Assist. Das ist sehr unglücklich gelaufen. Der Ball hat seine Flugrichtung verändert, ist wie ein Stein vom Himmel gefallen. Und das Ganze in einem sehr unglücklichen Moment für uns. Aber was sollen wir machen? Die Fifa wird das Spiel sicher nicht wiederholen lassen.“
Sein englischer Kollege Thomas Tuchel sah die Szene anders und gab an, den Vorfall während des Spiels nicht bemerkt zu haben. Ihm sei dies erst im Nachhinein mitgeteilt worden. Tuchel verwies auf die Ball-Sensoren: „Wir haben doch einen Sensor im Ball, der merkt, wenn er drei Haare berührt. Der sollte so ein Kabel auch spüren.“
Die Diskussionen um die Gültigkeit des Tores werden voraussichtlich weiter anhalten, auch wenn die Fifa eine Berührung des Balles mit dem Kameraseil dementiert hat. England drehte den durch Andreas Schjelderup herbeigeführten Rückstand und gewann das Spiel mit 2:1 nach Verlängerung.
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Source: bild.de